Unser 1. Vorstandsvorsitzender Marc Theiner hat sich mit Herrn Dr. Alexander Duisberg (Partner bei Bird & Bird) getroffen, um über seine Erfahrungen in China zum Thema Smart Mobility und Autonomes Fahren zu reden.

Es handelt sich um eine leicht editierte und weiterentwickelte Version des Interviews, weshalb kleinere Abweichungen vom oben verfügbaren Audio vorhanden sind.

Marc Theiner: Herr Duisberg, Sie waren ja letztens kurze Zeit in China unterwegs. Was haben Sie da so erlebt zum Thema Mobilität und Smart Mobility?

Dr. Duisberg: China ist ganz stark entschlossen, dieses Thema massiv voran zu bringen. China ist dabei an vielen Stellen sogar schon führend. Das Land hat die Möglichkeit, insbesondere über die Kommunalverwaltungen Regulierungen zu erlassen, die dafür sorgen, dass E-Mobilität schnell vorankommt. Das beste Beispiel haben Sie seit vielen Jahren in Shanghai, wo nur Zweiräder mit Elektroantrieb zugelassen werden. Damit geht die hohe Skalierung einher, die einen Technologie-Umschwung schnell und auf breiter Front herbeiführen kann. Ein anderes schönes Beispiel ist, dass Sie in Shenzhen, dem Tech-Zentrum von China, den öffentlichen Nahverkehr mit Bussen nach meiner Erkenntnis praktisch schon komplett auf Elektrobusse umgestellt haben. Wenn man das mal vergleicht mit der Diskussion bei uns, wo man in der Kommunalverwaltung und den städtischen Verkehrsbetrieben darüber nachdenkt, ein paar wenige Elektrobusse möglicherweise mal anzuschaffen oder in Betrieb zu nehmen, dann sieht man: Das läuft in einer ganz anderen Dimension und Geschwindigkeit ab!

Marc Theiner: Ja, das hört man immer wieder, aber viele sprechen ja mittlerweile auch schon davon, dass China das Silicon Valley quasi abgelöst hat was Innovation etc. angeht. Wie sehen Sie das? Wie haben Sie das erlebt?

Dr. Duisberg: Das ist eine etwas gewagte These. Ich denke, im Silicon Valley sind weiterhin die meisten bedeutenden, global führenden Tech-Unternehmen ansässig – jedenfalls, wenn Sie dem Silicon Valley noch den Norden um Seattle hinzufügen. Denn Microsoft und Amazon stehen inzwischen ja in vorderster Reihe in diesem Mix. Man hat im Silicon Valley eine einzigartige Verdichtung von Technologie-Knowhow und Neugierde, Dinge auszuprobieren, erfahrenen und neuen Unternehmensgründern, Spitzen-Universitäten und globalem Talent-Pool, verbunden mit leichtem Zugang zu Kapital, das extrem schnelles Wachstum und globale Expansion ermöglicht. Da ist es eben nicht damit getan, dass man monochrom aus einer einzigen Gesellschaftsstruktur Talente generiert und diese dann an Spitzenleistung heranführt. Aber: In China finden Sie – das muss man ganz klar sagen – Spitzentechnologie „Made in China“. Nehmen Sie die 5G Technologie: Es lässt sich praktisch kaum bestreiten, dass Sie es dort mit Unternehmen zu tun haben, die die globalen Standards inzwischen maßgeblich entwickelt und vorangebracht haben. Unternehmen wie z.B. Huawei oder auch Alibaba, Tencent und Baidu sind mit ihren Angeboten für den Online-Handel und mobile Zahlungsdienstleistungen ganz maßgeblich an diesen Entwicklungen beteiligt. Sie können ihr Wachstum durch den gewaltigen chinesischen heimischen Markt vorantreiben und eben auch vieles ausprobieren. Nehmen Sie z.B. die künstliche Intelligenz: Wenn Sie an die Bereiche Gesichtserkennung und sonstige Objekterkennung denken, muss man anerkennen, dass die Chinesen wahrscheinlich inzwischen führend sind, auch weil sie über so große Datenmengen verfügen und nach allem Eindruck extrem umfassend damit umgehen – mit allen Vor- und Nachteilen. Dabei wissen wir alle, dass in China das Thema Datenschutz, wenn überhaupt, eine ganz andere Verankerung hat und die hohen Anforderungen, die wir mit der DSGVO an Datenverarbeitung stellen, dort nicht greifen. Das könnte zu einer Beschleunigung des Machine Learning mit personenbezogenen Daten führen. Aber es hat einen Preis, den wir aus gutem Grund in unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung nicht in der Form zahlen möchten. Dennoch: Wir müssen ganz klar erkennen und verstehen, dass die globale Wirtschaftsentwicklung von einer von einer starken Verlagerung des globalen Wachstums in die asiatischen Märkte geprägt ist.

Marc Theiner: Ja. Sehr spannend alles. Deutschland ist ja da bei dem Thema Digitalisierung ein bisschen langsamer. Mit Wolfgang Kubicki hatte ich letztens eben ein Gespräch und da hat er gemeint: Willst du Deutschland oben sehen, musst Du die Tabelle drehen. Ja, würden Sie dem so zustimmen oder sehen Sie das auch ein bisschen anders?

Dr. Duisberg: Also, das pointierte Wort eines Politikers ist natürlich nicht schlecht, um in eine Kerbe zu schlagen; da steckt im Kern schon viel Wahres drin. Wir sind in Deutschland viel zu langsam in der Digitalisierung. Aber wir haben eine ganz andere Ausgangssituation. Man sollte das nicht alles schlecht reden. Wir leben in einer ganz stark vom Mittelstand geprägten Wirtschaft. Gerade im Bereich industrielle Fertigung und Produktion, Maschinen- und Anlagenbau, Logistik und Prozessautomatisierung etc. sind wir – neben dem Automobilbau – in einer einzigartigen Umgebung, die uns die meisten Länder neiden. Es gibt in Deutschland wirklih viele Weltmarktführer, gerade aus dem kleineren und mittelständischen Bereich, deren Namen man oft nicht kennt, die aber im Bereich Digitalisierung ganz tolle Sachen machen – und andere, die diese Schritte erst noch vor sich haben. Insofern müssen wir immer genau fragen, welches Marktsegment wir betrachten. Aber man würde schon sagen: Wir sind in Deutschland viel zu langsam im Ausbau der digitalen Kompetenz, einschließlich beim e-Government und in der Verwaltung allgemein. Wir sind auch viel zu schwach, was öffentliche Investitionen in Bereiche, die die Digitalisierung fördern, angeht, ebenso wie in der Erprobung von Innovation. Der Staat ist durch die jetzige Bundesregierung in einer Situation, in der er immer noch viel zu stark in Richtung konsumtive Ausgaben denkt und nicht in Zukunftsinvestitionen. Wenn wir im Rahmen der KI Strategie ein Maßnahmenpaket von 3 Milliarden Euro schnüren, ist das zwar löblich. Aber schauen Sie nur, was in anderen Ländern staatlich (und nicht-staatlich) investiert wird. Das wird uns absehbar auf die Füße fallen. Das Problem verstärkt sich in der alternden Gesellschaft und vielleicht auch einer gewissen, ich sag mal „Technik-Resilienz“ in der breiteren Bevölkerung. Sie haben in den asiatischen Märkten eine viel größere Aufgeschlossenheit für technische Neuerungen und eine viel schnellere Adaption auf der Verbraucherebene. Das sind Faktoren, die das Wachstum befeuern. Mittelfristig laufen wir in die große Gefahr, möglicherweise nur noch die Schlusslichter dieser Entwicklung zu sehen. Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen. Wie gesagt: Wir haben zum Teil Spitzentechnologie und wir haben Spitzen-Unternehmen, die auf dem Weg in die Digitalisierung sind. Insofern kommt es – um auf Herrn Kubicki zu antworten – auf die Tabelle an, die man wirklich heranzieht. 

Dabei ist auch klar: Wir brauchen eine viel massivere gemeinsame Anstrengung in Richtung Digitalisierung und zwar nicht nur auf Deutschland beschränkt, sondern in ganz Europa. Dazu können wir von den baltischen Staaten, den nordischen Staaten, Frankreich und Großbritannien auch einiges lernen – im Bereich Start-Up und Innovation sind uns diese Länder an vielen Stellen deutlich voraus.

Marc Theiner: Ja, das ist alles sehr interessant auf jeden Fall. Letztens war ja hier in München diese Veranstaltung von BMW #NEXTGen und ich habe auch mit einigen Leuten von BMW geredet. Und die meinten, spätestens 2021 wollen sie Level 4 autonomes Fahren an den Markt bringen, also an die Masse. Wir hatten ja letztens auch bei Ihnen hier im Haus (Bird & Bird) eine Veranstaltung genau zu diesem Thema. Was sind da die rechtlichen Probleme und könnte man diese bis 2021 schon gelöst haben?

Dr. Duisberg: Also, an den Markt bringen und in die Masse hineintragen, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Der regulatorische Rahmen für teilautonomes Fahren bis Level 4 ist bereits im Straßenverkehrsgesetz §§ 1a, 1b i.V.m. den §§ 63a-c angelegt. Wir werden also bald technische Vorrichtungen und Fahrzeuge zulassen, die teilautonomes Fahren ermöglichen –  immer mit der Maßgabe, dass Sie als Fahrer die Möglichkeit zur Übersteuerung haben und – wenn das Fahrzeug Sie darauf hinweist – die Kontrolle auch übernehmen. Dafür muss die technische Infrastruktur ausgelegt sein. Derzeit diskutiert man deswegen vor allem zwei Anwendungen: Das teilautonome Fahren auf dafür eingerichteten Autobahnen; Sie kennen ja die Erprobungsstrecke A9 zwischen München und Ingolstadt. Die andere Anwendung ist der „Valet Parking Service“, wo Sie in speziell vorkonfigurierten Parkhäusern das Fahrzeug am Eingang abgeben, es über die aktivierte App den Weg in die Parklücke findet und dann auch wieder selbst herausfährt, wenn Sie es dazu auffordern. Anders gesagt: Es geht zur Zeit bzw. bis 2021 noch nicht darum – und auch BMW geht es nicht darum –, teilautonome Fahrzeuge auf den öffentlichen Wegen im Mischverkehr der Münchner Innenstadt fahren zu lassen. Das ist noch ganz weit weg. Dafür sind auch eine ganze Reihe weiterer Voraussetzungen, sowohl auf der rechtlichen Seite, als auch in technischer Hinsicht zu klären und zu entwickeln. So ist z.B. noch ungeklärt, wie wir den sog. „Event Data Recorder“ (auch „Blackbox“ genannt) ausgestalten. Der EDR zeichnet das Fahrzeugverhalten und das Verhalten des Fahrers im teilautonomen Betrieb auf – ob in der Cloud, bei einem Datentreuhänder oder anderswo, ist ebenso offen, wie auch die Herstellung und permanente Verfügbarkeit der notwendigen Bandbreiten. Denn da wird es um richtig viele Daten gehen. Ob wir das bis 2021 im Wege einer Rechtsverordnung und technischer Lösungen tatsächlich realisieren, muss man noch sehen. Ich hoffe es sehr!

Marc Theiner: Wir werden die Entwicklung auch in Zukunft im Auge behalten. Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und Ihre Antworten, sehr spannend auf alle Fälle alles, was Sie so erlebt haben.

Dr. Duisberg: Vielen Dank, Herr Theiner.

Mehr Informationen zu Herr Dr. Duisberg finden Sie hier.

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